Teil 3: Nationalsozialismus, Krieg und Wiederaufbau

Am 16. August 1866 fuhr die erste Straßenbahn durch Hamburg, damals noch mit Pferden betrieben. Am 1. Oktober 1978 nahmen die Hamburger Abschied von dem Verkehrsmittel. Auch wenn es danach immer wieder Versuche gab, die Straßenbahn wiederzubeleben, fährt heute keine „Elektrische“ mehr durch Hamburg. Dennoch möchten wir das Datum der Eröffnung nutzen, um in dieser Woche auf die 150-jährige Geschichte der Hamburger Straßenbahn zurückzublicken. In unserem heutigen Beitrag geht es um „die Straßenbahn unterm Hakenkreuz“, den zweiten Weltkrieg und den Wiederaufbau.

Am 16. Mai 1933 wurde Karl Kaufmann zum Reichsstatthalter in Hamburg ernannt, er stand damit vor dem ebenfalls nationalsozialistischem Bürgermeister Karl Krogmann im Vordergrund. Spätestens mit diesem Tag war Hamburg nationalsozialistisch und dies hatte starken Einfluss auf die HHA und damit auch auf die Straßenbahn. Die Nationalsozialisten verfolgten offiziell das Ziel, das Auto als Verkehrsmittel für jedermann voranzubringen, kennzeichnend war hier in erster Linie der Autobahnbau. Im Nahverkehr lehnte man die „alte Straßenbahn“ ab und setzte sich stark für den Omnibus ein, eine Handlungsweise, die man später noch stark bereuen würde…

Der Nationalsozialismus hatte alles fest in seiner Hand - auch den Nahverkehr. Aus: Stirn und Faust, Mitarbeiterzeitschrift der HHA vom 30.01.1937

Der Nationalsozialismus hatte alles fest in seiner Hand – auch den Nahverkehr. Aus: Stirn und Faust, Mitarbeiterzeitschrift der HHA vom 30.01.1937

Das Jahr 1933 brachte für die Straßenbahn nur wenige Änderungen:  Der Fahrplan von einigen Verstärkerlinien wurde über das Jahr geändert und zum Fahrplanwechsel wurden die Linienläufe ein wenig verändert. Bedeutender hingegen war die Änderung im Hochbahn-Vorstand: Friedrich-Stanik übernahm am 10. April die Amtsgeschäfte des „Hochbahn-Vaters“ Wilhelm Stein, der, wie alle anderen Vorstandsmitglieder, und Betriebsräte, durch Nationalsozialisten ersetzt wurde. Ausgenommen hiervon war Charles Liez, welcher aber ohnehin 1935 in Pension gegangen wäre.

In den kommenden Jahren konnte eine Streckenverlängerung zur Braunen Brücke in Hamm eröffnet werden, mehr nicht – der Stahl wurde für andere Dinge gebraucht. Stattdessen wurden sogar einzelne Strecken stillgelegt, beispielsweise die Linie 32 nach Borstelbek. Inzwischen war die gesamte Hochbahn gleichgeschaltet, 270 Mitarbeiter wurden aus ideologischen Gründen entlassen. Dazu trug auch die neue Mitarbeiterzeitschrift „Stirn und Faust“ bei, selbst das Hakenkreuz zog in die Hochbahn-Bildmarke mit ein.

Der Nationalsozialismus brachte teilweise auch bessere Arbeitsbedingungen, wie hier in den Gleisbau-Werkstätten. Aus: Stirn und Faust, Mitarbeiterzeitschrift der HHA vom 30.01.1937

Der Nationalsozialismus brachte teilweise auch bessere Arbeitsbedingungen, wie hier in den Gleisbau-Werkstätten. Aus: Stirn und Faust, Mitarbeiterzeitschrift der HHA vom 30.01.1937

Eine weitere wichtige Änderung wurde 1936 mit dem Groß-Hamburg-Gesetz vollzogen: Hier entstand Hamburgs heutige Form: Wandsbek, Harburg und Altona wurden eingemeindet, während unter anderem Großhansdorf, Geesthacht und Cuxhaven das Hamburger Gebiet verließen. In diesem Schritt änderten sich nicht nur sämtliche Verkehrspläne, vorrangig unter Konstanty Gutschow, sondern es konnten auch die letzten Konkurrenten, in erster Linie die Verkehrsaktiengesellschaft Altona, übernommen werden.

1938 betrieb die Hochbahn ein Streckennetz der Straßenbahn mit einer Länge von 232 Kilometern und hatte dafür 746 Triebwagen und 849 Beiwagen zur Verfügung. Doch man beharrte weiter auf einem Omnibus-freundlichem Verkehr und verfolgte wahnwitzige Projekte: Als gutes Beispiel ist das „Kraftverkehrshaus zu nennen: Mit einer Höhe von 65 Metern und einer Grundfläche von 8.500 m² sollte ein gigantischer Komplex für Hochbahn-Verwaltung, 500 Parkplätze und einen Zentralen-Omnibus-Bahnhof entstehen. Der Bau wurde auch bis zur dritten (von 19) Geschoss fertiggestellt worden, bevor die Bauarbeiten auf Grund des Krieges eingestellt werden mussten. Heute befinden sich auf diesem Gelände die Cityhof-Hochhäuser.

Am 1. September 1939 begann schließlich der zweite Weltkrieg. Das hatte zunächst positive Folgen für die Straßenbahn: Benzin war jetzt streng rationalisiert und für den Freizeitverkehr gar nicht mehr erlaubt. So fuhren wieder Fahrgäste mit der Straßenbahn, die nun nicht mehr mit dem Auto oder dem Kraftomnibus fahren konnten.

Doch Langsam wurde auch die Straßenbahn von Bombenangriffen behindert, immer wieder fielen Trümmer auf Gleise, Wagen oder die Bombe schlug gleich in die Infrastruktur ein. Dies führte immer wieder zu kürzeren und längeren Sperrungen und damit verbundenen Einschränkungen im Netz. Dennoch verlief der Betrieb bis Juni 1943 vergleichsweise stabil.

Dies änderte sich mit der Operation Gomorrha und weiteren schweren Angriffen im Juli 1943 und den Folgemonaten: Stadtteile östlich der Alster wurden dem Erdboden gleich gemacht. Der Feuersturm von Hammerbrook ging in die Geschichtsbücher ein – Heutzutage ist kaum noch vorstellbar, dass Hammerbrook und Rothenburgsort dicht besiedelte Arbeiterstadtteile waren. In Betrieb waren danach nur noch wenige Linien in Harburg, Altona und nach Niendorf (nur ab der Hoheluft) und nach Groß Borstel.

Wenige Strecken konnten kurze Zeit später wieder eröffnet werden, doch im Hamburger Osten fuhr nichts mehr, allerdings war dort auch nahezu alles zerstört. Ende des Jahres konnten auch dort wieder Bahnen fahren. Die Straßenbahn wurde zu einem beliebten Verkehrsmittel und konnte die Massen kaum noch aufnehmen. Die Beförderung von Juden und anderen Parteifeinden war schon längst verboten. Sie verkehrten jedoch als KZ-Gefangene und wurden zur Trümmerräumung als Zwangsarbeiter eingesetzt. Die Hochbahn verdiente an diesen Auftragsfahrten nicht schlecht, nachdem sie es auf Grund des schlechten hygenischen Zustandes der Gefangenen untersagt hatte, diese im normalen Personeneverkehr mitfahren zu lassen.

Am 3. Mai 1945 war in Hamburg der zweite Weltkrieg zu Ende und Reichsstatthalter Kaufmann übergab die Stadt den Briten. Mit dem Einmarsch wurde zunächst eine Eingangssperre verhängt, der gesamte Verkehr solle ab 12 Uhr ruhen. Sofort nach Kriegsende entfernte die Hochbahn das Hakenkreuz aus der Bildmarke, auch die Vorstandsmitglieder wurden, mit Ausnahme von Friedrich Lademann, fristlos gekündigt und durch ihre Vorgänger ersetzt.

Die Billianz des Kriegs war vernichtend: Etwas zwei Drittel der Triebwagen und ein Viertel der Beiwagen wurde im Krieg zerstört. Von der Zerstörung waren jedoch vor allem die neueren Wagen betroffen. Nun musste man sich an den Wiederaufbau machen. Doch auf die Phase des Aufbaus folgte ein, darum geht es im nächsten Teil unserer Reihe.

Morgen geht es in unserer Artikelreihe zum 150-jährigen Jubiläum der Straßenbahn um die autogerechte Stadt und die komplette Einstellung bis 1978. Lesen Sie alle Artikel der Reihe:

Teil 1: Mit der Pferdebahn durch Hamburg

Teil 2: Elektrisch durch die Hansestadt

Teil 3: Nationalsozialismus, Krieg und Wiederaufbau

Teil 4: Abbau und „die autofreundliche Stadt“

Teil 5: Planungen zur Wiedereinführung

Teil 6: Die Fahrzeuge der Straßenbahn

 

Titelbild: Um 1950 fährt eine Straßenbahn vom Typ Z1 der Linie 12 am Steintorplatz in Richtung Bahrenfeld.

Kommentar verfassen