#Faktencheck zur geplanten Fahrpreiserhöhung

Am Dienstag berichteten wir nach einer Pressemeldung des Hamburger Verkehrsverbundes über die geplante Fahrgelderhöhung zum kommenden Kalenderjahr (siehe hier), die bei der Bürgerschaft beantragt wurde. Auch viele andere Medien in Hamburg berichteten darüber – und insbesondere die Kommentarspalten in den sozialen Netzwerken füllten sich mit Halbwahrheiten – Zeit für einen #Faktencheck:

Sicherlich handelt es sich bei dem Fahrpreis um ein sehr emotionales Thema – schließlich sind viele Hamburgerinnen und Hamburger davon betroffen. Die Fahrpreiserhöhung bietet aber gleichzeitig auch Möglichkeit, aufgestauten Frust über Unpünktlichkeit oder andere negative Erlebnisse im Nahverkehr bei Facebook und Twitter abzulassen. Dies geschieht entweder durch unsachliche Beleidigungen oder aber in Form von Halbwahrheiten und Falschaussagen, die sich so weiterverbreiten. In unserem Faktencheck habe ich einige Kommentare auf Facebook herausgesucht (im folgenden anonymisiert dargestellt) und auf inhaltliche Richtigkeit überprüft.

Berti D. via Facebook

Jetzt reicht es aber langsam. In München ist die MVV Günstiger“

Stimmt nur teilweise! Zwar titelte die Hamburger Morgenpost am 24. Mai 2017: „Studie: Bus und Bahn in Hamburg am teuersten!“, ein wirklicher Vergleich ist aufgrund der verschiedenen Tarifmodelle aber kaum möglich. In Hamburg sind insbesondere Fahrkarten auf kurzer Strecke über zwei Zahlgrenzen hinaus innerhalb der Ringe A und B vergleichsweise sehr teuer, dafür sind Angebote für Reisende aus den äußeren Ringen nach Hamburg und auch Gruppenkarten sehr günstig.


Susanne L. via Facebook

Und die Leistung immer schlechter“

Stimmt nicht! Die Leistung wurde in den vergangenen Jahren immer weiter ausgeweitet, so wurde beispielsweise der Takt auf der Linie 5 tagsüber um fünfzig Prozent erhöht, auch zum vergangenen Fahrplanwechsel traten zahlreiche Verbesserung ein. Mit der U4 zu den Elbbrücken und den sich im Planfeststellungsverfahren befindenden Projekten wird das Angebot weiter ausgebaut.


Wolfgang W. via Facebook

Komisch, wo doch die Energiekosten, Mieten und sonst alles mögliche billiger wird!“

Stimmt überwiegend nicht! Nur die Mieten für Wohnungen in einer Größe von etwa 30 m² sanken im Quadratmeterpreis. Für größere Wohnungen stiegen die Mieten in Hamburg auch weiterhin (vgl. Mietpreisspiegel). Auch die Strompreise sinken nicht, sind seit einigen Jahren jedoch relativ konstant (vgl. Grafik 4.3 in den Daten zur Energiepreisentwicklung des Statistischen Bundesamt). Die Preise für „alles mögliche“ sind im Verbraucherpreisindex festgehalten, welcher im vergangenem Jahr um 0,4 Prozent anstieg.


Holger V. via Facebook

naja das umsonst fahren der Flüchtlinge muss ja finanziert werden“

Stimmt nicht! Auch Geflüchtete dürfen nicht umsonst fahren. Diese benötigen eine spezielle Fahrkarte, welche im Monat derzeit 29 Euro im Monat kostet und nur für Geflüchtete in einer zentralen Erstaufnahmeeinrichtung erhältlich ist – danach ist eine normale Fahrkarte notwendig. Wenn Geflüchtete ohne gültige Fahrkarte die Verkehrsmittel im Hamburger Verkehrsverbund nutzen, müssen auch diese ein erhöhtes Beförderungsentgeld in Höhe von 60 Euro entrichten.


Guenter P. via Facebook

Was machen ältere Menschen mit kleiner Rente? Die bleiben zu Hause und warten auf den Sensenmann?“

Stimmt nicht! Für Senioren gibt es die im Vergleich zur normalen Abokarte eine stark vergünstigte Seniorenkarte. Unter Umständen ist es möglich, eine Sozialkarte zu beantragen und mit dieser den Preis der Karte pro Monat um weitere 20,80 € zu reduzieren.


Nick K. via Facebook

Die sollten mal eher die Preise für das Schwarzfahren erhöhen anstatt immer das auf die Fahrkarten drauf zu hauen.“

Stimmt nicht! Eine Erhöhung des erhöhten Beförderungsentgeldes durch den Hamburger Verkehrsverbund ist nicht möglich. Die Höchstgrenze von diesem liegt nämlich bei sechzig Euro und wird durch die Länder im Bundesrat festgelegt und nach §9 der Verordnung über die Allgemeinen Beförderungsbedingungen für den Straßenbahn- und Obusverkehr sowie den Linienverkehr mit Kraftfahrzeugen geregelt.


Manuel K. via Facebook

[…] Von mir aus sollten sie den Nahverkehr privatisieren und die Strecken für private Anbieter öffnen.“

Das wird schon so praktiziert. Alle Leistungen wurden oder werden ausgeschrieben, allerdings kommt es immer noch zu Direktvergaben, um bestimmte Qualitätskriterien zu sichern. Private Anbieter könnten nur günstiger arbeiten, wenn sie niedrigere Qualitätsstandards einsetzen (zum Beispiel Busse ohne Klimaanlage) oder das Fahrpersonal schlechter bezahlen. Ein Nahverkehr ohne Zuschüsse ist zwar theoretisch möglich (zum Beispiel auf Sylt), jedoch würden die Fahrpreise dann wesentlich stärker steigen. Da der ÖPNV eine Grundversorgung übernimmt, werden auch Strecken befahren, auf denen nicht genügend Fahrgäste unterwegs sind, um die Betriebskosten zu decken. Bei U- und S-Bahn ist die Vergabe an andere Anbieter besonders schwierig, da spezielle Fahrzeuge, die nur in Hamburg fahren können, eingesetzt werden müssen.


Jan S. via Facebook

Wir sichern damit die hohe Qualität – alte Züge auf einer der Hauptlinien (zB. S21) Verspätungen ohne Ende Das ist doch mal Qualität“

Stimmt nicht! Beispielsweise bei der S-Bahn waren im vergangenem Jahr über 97 Prozent der Züge pünktlich, noch besser sieht es bei der U-Bahn aus. Auf der Linie S21 kommen ab Herbst neue Züge der Baureihe 490 mit durchgängigen Wagen, Fahrgastfernsehen und Klimaanlage zum Einsatz. Die durchschnittliche Einsatzdauer von Einsatzfahrzeugen beträgt etwa vierzig bis fünfzig Jahren, schließlich kostet beispielsweise der neue DT5 etwa 3,6 Millionen Euro pro Fahrzeug. Eine kürzere Einsatzdauer wäre also nicht wirtschaftlich.


Tatjana H. via Facebook

Denn bitte nicht mehr Fahrgäste befördern wie Sitzplätze vorhanden. Nicht zumutbar bei den Preisen stehen zu müßen.“

Stimmt nicht! Die heutigen Fahrgeldeinnahmen reichen zusammen mit den Zuschüssen durch die Stadt Hamburg und anderen Einnahmen (zum Beispiel durch die Vermietung von Werbeflächen) nur für das heutige Angebot aus. Würde man für jeden Fahrgast einen Sitzplattz anbieten, müssten wesentlich mehr Fahrzeuge eingesetzt (und teilweise erst gebaut) werden, was wesentlich höhere Fahrpreise zur Folge hätte.


Phillip H. via Facebook

Schon das 2te mal dieses jahr gemein“

Stimmt nicht. Die Fahrpreise wurden und werden zum nur jährlich zum Jahresbeginn erhöht. Die letzte Tariferhöhung fand am 1. Januar 2017 statt, die nun angekündigte Anhebung der Fahrpreise erfolgt entsprechend ein Jahr später am 1. Januar 2018.


Marco M. via Facebook

[…] Der hvv mach jedes Jahr Gewinn in dreistelliger Millionenhöhe“

Stimmt nicht! Der Hamburger Verkehrsverbund macht jährlich einen Umsatz durch Fahrgeldeinnahmen in dreistelliger Millionenhöhe, 2016 lag dieser bei 825,5 Millionen Euro. Dieser wird dann nach einem Schlüssel an die einzelnen Verkehrsunternehmen verteilt. Die Fahrgeldeinnahmen reichen jedoch nicht aus, um die Kosten für den Betrieb zu decken – der Kostendeckungsgrad schwankt je nach Verkehrsunternehmen zwischen etwa 50 und 90 Prozent. Gewinn machen die Verkehrsunternehmen im HVV also nicht.


Die Kommentare wurden aus den Kommentarspalten auf Facebook unter den entsprechenden Beiträgen zum Thema des Abendblattes, der Morgenpost, der Bild-Zeitung und von uns übernommen. Wenn Sie weitere Kommentare in den sozialen Netzwerken zu diesem Thema gefunden haben, bei denen Sie sich nicht sicher sind, ob der Inhalt stimmt, kopieren Sie diesen doch gerne hier ein.

Titelbild: Der Faktencheck zur Fahrpreiserhöhung © Roman Berlin, DT5 Online

Kommentar verfassen